Urs M. Fiechtner

MARIO ROSAS

Die Geschichte einer Flucht
Taschenbuch bei terre des hommes, Osnabrück 2003, 216 S., € 7.50, im Klassensatz € 7.-


Eine nach Dokumenten und Interviews geschriebene Erzählung zur Zeitgeschichte, ein Buch über Flucht und Exil, über Anpassung und Widerstand, über das Aufeinanderprallen von Klischeevorstellungen und über die schwierige Suche nach Orientierung in verwirrenden, zuweilen absurd anmutenden Zeiten.

„Die Realität des Alltags“, sagt Urs M. Fiechtner über seine Arbeitsweise, wahre Geschichten aufzugreifen, „geht manchmal so seltsame Wege, daß auch der seltsamste Dichter nichts mehr hinzuphantasieren könnte“. – Hier greift er die Geschichte eines jungen Flüchtlings auf, der vor der Militärdiktatur seines Landes in das Land flieht, aus dem seine jüdischen Vorfahren als Flüchtlinge gekommen waren : Deutschland.

Mario Rosas - Die Geschichte einer Flucht ist ein Buch über eine wiederholte Flucht in umgekehrter Richtung, aber unter ähnlichen Vorzeichen. In komprimierter Form wird hier Zeitgeschichte umfasst und ebenso kenntnisreich wie spannend erzählt, gleichzeitig wird, ohne moralisierenden Gestus und nicht selten mit hintergründigem Humor, auf jene anderen Arten des Fliehens verwiesen, die solche Zeitgeschichte erst möglich machen: das Nicht-Hinsehen-wollen, die unkritische Anpassung, das bequeme aber gefährliche Verharren auf Phrasen, Vorurteilen und Klischees, die uns wohl die Mühe eigenen Nachdenkens ersparen, aber das Zusammenleben so schwierig machen - und nicht nur das Zusammenleben zwischen Inländern und Ausländern.


„In erzähltechnisch interessanter Verschränkung von Zeit-, Handlungs- und Problemebenen läßt Fiechtner Mario Rosas lebendig werden. Die Auseinandersetzungen zwischen Mario und seinem Vater spiegelnd die politischen Zustände in Chile während der Regierungszeit Allendes und nach dem Militärputsch Pinochets wider. Der Vater, der als David Rosenbaum in Frankfurt am Main geboren wurde, ist als Kind auf der Flucht vor der rassischen Verfolgung der Nationalsozialisten nach Chile gekommen, hat sich hier völlig assimiliert und ist als David Rosas zu einem angesehenen Geschäftsmann aufgestiegen. Seinem Sohn, der sich mit Freunden während der Regierungszeit Allendes in Elendsvierteln engagiert hatte, steht er verständnislos gegenüber. Pinochets Putsch ist für ihn die Rettung des Vaterlandes. Mario dagegen arbeitet im Untergrund gegen das Militärregime. Für Mario bleibt unfassbar, daß der Vater die Augen vor der Wirklichkeit in Chile verschließt, daß er die Parallelität zu den Ereignissen in Deutschland 1933 nicht erkennt. (...) Als Mario selbst von der Verhaftung bedroht wird, verhilft ihm der Vater zur Flucht, zuerst nach Argentinien, von wo ihn der Militärputsch Videlas wenig später wieder vertreibt. Diesmal nach Frankfurt – Ironie der Geschichte?! Mario stellt einen Asylantrag...
Mit der Beschreibung des Lebens eines Asylbewerbers aus der Sicht des Betroffenen zwingt Fiechtner den Leser zur Wahrnehmung von Problemen, macht Klischeevorstellungen bewußt und damit fragwürdig. (...) Fiechtner entgeht der Gefahr der Schwarzweißmalerei, indem er auch Mario und die anderen Asylbewerber nicht als frei von Vorurteilen erscheinen läßt...“
((Der Tagesspiegel))